Praxisbeispiel: Rollstuhl fahren lassen
Einblicke in echte Momente – zwischen Nähe, Entwicklung und Alltag.
Rollstuhlfahren lassen – mehr als Bewegung
Es geht um eine scheinbar einfache, aber in ihrer Tiefe hochwirksame Alltagssituation: das „Rollstuhlfahren lassen“ in Begleitung. In der Marte Meo Sichtweise handelt es sich dabei um eine freie Situation, in der die betreute Person nicht geführt, sondern beobachtet, begleitet und unterstützt in ihrer Eigenaktivität wird. Der Weg ist nicht das Ziel – sondern das, was im Beziehungsgeschehen während des Fahrens sichtbar wird.
Diese Situationen finden an ganz unterschiedlichen Orten statt: im Park, im Einkaufszentrum, im großen Hauptbahnhof, auf Krankenhausfluren, in einer autofreien Siedlung – je nach Wetter und Möglichkeit. Dadurch wechseln auch die Begleiter häufig. Und gerade deshalb sind diese Rollstuhlfahrten ein wertvoller Spiegel für die unterschiedlichen Haltungen der Assistenzkräfte.
Die unterschiedlichen Perspektiven der Assistenten sind dabei kein Problem, sondern ein Schatz – wenn sie reflektiert werden. Dieses Praxisbeispiel dient als Lehrtext, zu dem es ergänzend kleine Videosequenzen (E-Learning-Sets) gibt. Diese machen erkennbar: Worauf achte ich – und warum ist das wichtig für die betreute Person?
In der konkreten Interaktion zeigt sich oft, dass die betreute Person, obwohl sie mit der Assistenzkraft bereits jahrelang vertraut ist, immer wieder stehen bleibt, nicht weiterfährt, unzufrieden reagiert, manchmal Handschuhe, Mütze oder Schal wegwirft, die Begleitung auffordert näherzukommen oder sogar ihre Hand auf die Steuerhand legt, bevor es weitergeht. Er möchte mehr Nähe, mehr Verbindung – aber es gelingt ihm nicht, das so zu äußern, dass es verstanden wird. Denn: Die betreute Person spricht nicht verbal, sondern nur über Gesten.
Warum fährt er nicht einfach weiter? Wo steckt der Prozess fest?
Mehr Wirkung durch weniger Tun
Der entscheidende Punkt ist: Die Impulskraft, die aus der inneren Goldmine der betreuten Person kommt, muss nicht nur hochsteigen, sondern auch von ihm selbst wahrgenommen, ausgewählt, in den Fokus genommen und beibehalten werden – damit ein eigener Erfahrungspfad entstehen kann, dem er treu bleibt. Und genau hier liegt die Blockade.
In vielen Fällen hat die Assistenzkraft – aus guter Absicht, aus einem Bedürfnis zu helfen oder aus persönlicher Gewohnheit – zu viele eigene Initiativen gezeigt. Dieser Eingriff in den Aufmerksamkeitsbereich zwingt die betreute Person, sich entweder zu wehren, es sich gefallen zu lassen oder – je nachdem, ob es eine fremde oder vertraute Assistenz ist – aggressiver die Grenze zu schützen. Die Assistenzkraft hingegen ist verwirrt oder verunsichert und reagiert enttäuscht. Es entsteht eine Negativspirale.
Ein altes Muster in der betreuten Person wird getriggert: Um den emotionalen Frieden wiederherzustellen, übernimmt sie die Verantwortung für das Missverständnis. Sie entschuldigt sich für eine Reaktion, die eigentlich ein Zeichen von Überforderung war – zum Beispiel durch einen Handkuss oder indem sie sagt: „Komm her und leg die Hand auf meine Steuerungshand.“
Das ist ein Lösungsansatz der betreuten Person für ein Problem, das sie nicht verursacht hat.
Diese Spirale endet oft damit, dass sie emotional nicht mehr herauskommt. Die Fahrt wird abgebrochen. Nach Hause, TV an. Beide sind enttäuscht.
Die Laune ist dahin. Der Tag wirkt wie verloren.
Und all das, weil die Assistenz nicht verstanden hat, was sie anrichtet – obwohl sie es gut meinte.
Wichtig ist auch zu verstehen:
Assistenten kommen mit einem biografischen Hintergrund.
Das übermäßige Helfen entspringt oft der eigenen Erziehung. Wer gelernt hat, dass Abgrenzung zu Schuldgefühlen führt – weil zum Beispiel die Mutter dann stundenlang schlechte Laune hatte und getröstet werden musste – hat nie wirklich gelernt, dass es okay ist, einfach da zu sein – ohne sofort etwas tun zu müssen.
Diesen Assistenten fehlt oft das innere Gefühl: Ich bin okay – auch ohne Aktion.
Und sie haben kaum Gelegenheit gehabt, das einmal länger zu erleben und zu genießen.
Gerade in ruhigen Umgebungen wie Parks, in denen weniger soziale Impulse von außen kommen, wird die Unsicherheit der Begleitung sichtbarer. Viele Assistenten empfinden Orte wie Einkaufszentren als „leichter“, weil dort mehr Anschlussmöglichkeiten an andere Initiativen vorhanden sind. Diese Orte wirken wie ein entlastendes Element im Beziehungsverhältnis – aber auch wie ein Vermeidungsmuster für die eigentliche Beziehungsarbeit.
Ein typisches Beispiel: Die an ihre vielen schwungvollen Initiativen gewöhnte Assistenzkraft fühlt sich fremd, wenn sie plötzlich weniger tun soll – und das dann mehr Wirkung entfaltet. Sie versteht es nicht gleich. In der Ruhe liegt die Kraft – das klingt für sie wie ein Widerspruch.
Wie kommt man aus dieser Negativspirale in eine Positivspirale?
Zwei Stunden im eigenen Rhythmus
Ich sage zur Assistenzkraft:
👉 „Komm, ich zeig dir, worauf ich achte.“
Dann starte ich die Kamera.
Die betreute Person fährt los, bleibt stehen, überlegt. Ich bleibe im Abstand, spreche leise – auch wegen der Aufnahme. Ich benenne, was ich sehe, auch das, was ich vermute:
„Hier hat er seine Initiative gewählt. Er will durch diese Tür, um zu schauen, was dahinter ist. Toll, oder?“
Ich sage nur, was sichtbar ist.
Und: Ich bleibe präsent – nicht steuernd.
Wenn er uns anschaut, lächeln wir, nicken, grüßen kurz.
Vielleicht ein Satz wie:
👉 „Wir gehen mit – wohin du auch fährst. Ich bin bei dir.“
Mehr braucht es nicht. Das Gemeinschaftsgefühl braucht Nahrung, keine Steuerung.
Er darf nie denken, er sei außen vor und die anderen zwei machen „ihr Ding“.
Wenn er fährt, reicht es, auf seine Kontaktmomente zu achten – und sie mit feinen Zeichen zu beantworten: ein Blick, ein Nicken, ein freundliches Gesicht.
Die große Erkenntnis: Das frühere Einschlafen beim Fahren war nicht Müdigkeit, sondern Rückzug mangels Resonanz. Jetzt wird er wacher, neugieriger, resonanzfähig.
Und es beginnt etwas Neues:
Er kommt in eine Phase, in der er seinen eigenen Initiativen mehr vertraut.
Es wird natürlicher, länger dem eigenen Impuls zu folgen – weil er sich sicher und verbunden fühlt.
Er ist bei sich – und im Kontakt.
Er bleibt stehen, schaut sich eine Statue länger an, überlegt, fährt weiter.
Er ist in seinem Rhythmus.
Wenn er uns beim Herumschauen wieder sieht, nicken wir.
Dieses Nicken kommt nicht aus Höflichkeit, sondern von mir – als unterstützendes Zeichen, das ihm sagt:
„Es ist alles gut. Du bist in Ordnung. Ich fühl mich mit dir auch gut.“
So wächst emotionale Unabhängigkeit.
Sein Energielevel steigt, seine Zufriedenheit wächst, seine Ausdauer ebenso.
Zwei Stunden selbstbestimmte Fahrt vergehen wie im Flug – weil niemand ihn innerlich ablenkt oder fremdsteuert.
Für mich als verantwortliche Bezugsperson ist das nicht nur ein schöner Moment, sondern ein wertvoller Lernprozess für das ganze Team.
Entwicklungspotenzial Raum geben
Die Videosequenzen dokumentieren in Echtzeit meine Wahrnehmung und das „Wozu“ dahinter – damit andere Entwicklungsbegleiter es nachspüren können.
Assistenten, die wissen, wovon ich spreche, können später ihre Beiträge ergänzen, das Video kommentieren oder als Gruppenthema mitdiskutieren.
Auch entfernte Rollenklärer entdecken in diesen Aufnahmen, was es noch zu sehen gibt – und wie viel in so einer scheinbar kleinen Alltagssituation steckt.
Die Wirkung zeigt sich schnell:
Die betreute Person ist ruhiger, aufmerksamer, resilienter.
Andere Assistenten erleben einen leichteren Einstieg in die nächste Schicht – weil sie nicht gegen innere Widerstände arbeiten müssen, sondern auf einen gespeicherten Kontakt aufbauen können.
Die betreute Person ist weniger kompliziert, weil sie Energie gespart hat, die ihr sonst im Abwehrkampf genommen wurde.
Was bleibt, ist: Stille Verbindung. Echtes Bei-sich-sein. Und gemeinsames Vertrauen.
Und am Ende steht auch ein leiser Gedanke:
Ist es nicht erstaunlich, wie eine Pflegesituation – gerade die herausfordernde 24-Stunden-Pflege – zur persönlichen Entwicklung aller Beteiligten beitragen kann, wenn die Details transparent gemacht und auf Beziehungsebene verstanden werden?
Obwohl die betreute Person nicht spricht, können ihre Signale zu einer kraftvollen Quelle gemeinsamer Entwicklung werden – wenn man sie ernst nimmt und im vertrauten Kreis sichtbar macht.
Dann wird Pflege nicht zur Belastung – sondern zu einem seltenen Ort, an dem Verbindung, Entwicklung und Sinn spürbar möglich sind.
Beziehung als Genesungskraft
Die Idee zu diesem Kapitel – und auch zur begleitenden Videoform – während eines längeren Krankenhausaufenthalts der betreuten Person. Nach einer Operation war eine mehrtägige Bettruhe notwendig. Neben der körperlichen Genesung entwickelte sich in dieser Zeit auch eine mentale Stabilisierung, die nicht durch das Krankenhauspersonal, sondern durch unsere kontinuierlich anwesenden Assistenzkräfte getragen wurde.
Wir hatten im Krankenzimmer gewissermaßen unser Lager aufgeschlagen: eine Person für die Nacht, eine für den Tag – insgesamt drei bis vier Assistenten wechselten sich ab.
Emotionale Stabilität im Krankenhaus
Die betreute Person ist beziehungssensitiv, besonders bei medizinischen Eingriffen wie Blutabnahme, Umlagerung oder der Verabreichung von Nahrung über die PEG-Anlage. Krankenhauspersonal handelt oft zu schnell, zu laut, zu sachlich – was bei ihm zu aggressiven Abwehrreaktionen führen kann, bis hin zum Herausziehen der Sonde.
Durch die ständige Anwesenheit vertrauter Begleiter konnte eine stabile Beziehungsebene erhalten bleiben – und so wurde nicht nur die medizinische, sondern auch die seelische Situation stabilisiert.
Genau hier entstand die Idee: Diese Beziehungsmomente sind nicht sichtbar, wenn sie nicht dokumentiert werden. Deshalb entstand das Konzept, Videosequenzen als Lerninstrument zu nutzen – um sichtbar zu machen, was oft übersehen wird.
Hinzu kommt: Das Klinikpersonal sagt oft nicht genau, was gleich passieren wird, beschreibt die Abläufe nicht im Voraus, stellt den Fernseher nicht um oder fragt nicht nach Programmwünschen. Auch das Anreichen der Nahrung erfolgt in unpassenden Portionen, da individuelle Verträglichkeiten nicht bekannt oder umsetzbar sind. Die Kommunikation bleibt bruchstückhaft – nicht aus Desinteresse, sondern weil die Strukturen nicht auf Kontinuität und Feinfühligkeit ausgelegt sind.
Gerade deshalb wurde dieser Aufenthalt – der insgesamt sieben Tage dauerte – für uns alle zu einer erfolgreichen und bereichernden Erfahrung.
Die Krankenhausmitarbeiter waren freundlich und offen, oft sogar dankbar, dass wir da waren. Und so entstand das, was später zur Idee dieses Kapitels wurde:
Eine freie, dokumentierte Situation, die zeigt, wie Beziehungspflege auch in einem medizinisch-technischen Umfeld möglich und wirksam sein kann.